Popularmusik im Chor
"Popularmusik im Chor" ist ein facettenreicher Begriff, weil er ein breites Spektrum musikalischer Stile abdeckt. Die Einflüsse, Vermengung und Durchdringung so unterschiedlicher Ausdrucksformen wie Gospel, Spiritual, Jazz, Pop, Funk, Latin, Soul usw. lassen diese Chormusik heutzutage nur selten in ihrer jeweiligen stilistischen Ursprünglichkeit erklingen, bzw. sie entstand erst durch den Schmelztiegel der Musik.
Im folgenden wird diese Gesamtheit der Popularmusik in den Blick genommen, zumal die Chöre in der Regel diese Vielseitigkeit pflegen.
Die deutsche Chorszene verzeichnet mit Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Bereich Popularmusik eine rasante Entwicklung, die sich noch 20 Jahre später unvermindert fortsetzt. Sie ist möglicherweise ein Reflex auf amerikanische Phänomene der sechziger und siebziger Jahre, in denen vor allem an den High Schools und Colleges sowohl Chöre als auch kleinere Vokalensembles entstanden (von Quartett- bis Oktett-Besetzung), die sich speziell der Popularmusik widmeten.
Es wurden so genannte "jazz choirs", "show choirs", "swing choirs", "gospel choirs" "barbershop choirs" usw. gegründet, die ihre Schwerpunkte - durchaus am Namen ablesbar - auf unterschiedliche Stile und Aspekte der Popularmusik legten (Präsentation, stilistisches Profil, künstlerischer Anspruch usw.).
Über den großen Teich ...
Vorbilder waren Ensembles aus dem professionellen Musikleben wie The Golden Gate Quartett, The Pennsylvanians, The Four Freshmen, The Hi-Lo's, Manhattan Transfer, The Swingle Singers oder The Singers Unlimited.
Fred Waring, Norman Luboff, Anita Kerr und Carl Strommen zählten zu den ersten Arrangeuren/Chorleitern, die für diese Chöre bei einschlägigen Verlagen Arrangements publizierten. Begleitend wurden - zum Teil von den Verlagen selbst organisiert - Fortbildungsveranstaltungen für Chorleiter angeboten.
Chorfestivals und -wettbewerbe dienten dem Erfahrungsaustausch, dem künstlerischen Ansporn und der Steigerung des öffentlichen Interesses. Diese Aktivitäten sind Anfang der 90er auch in der deutschen Chorszene zu beobachten. Der internationale Erfolg von Vokalgruppen und das Engagement einer handvoll deutscher Protagonisten führen zur Gründung von Gospel-, Jazz- und Popchören. Traditionelle Chorgemeinschaften öffnen sich dem "neuen" Repertoire und - ein wesentlicher Schritt: Der Deutsche Musikrat als Dachverband und die angeschlossenen Chorverbände organisieren Fortbildungs-veranstaltungen und ergänzen darüber hinaus die traditionellen Chorwettbewerbe um eine so genannte "Jazz, Pop, etc."- Kategorie.
... in deutsche Chöre
Verantwortliche des öffentlichen Musiklebens erkennen in diesem Genre der populären Chormusik das innovative künstlerische Potential und die Begeisterung vor allem der jungen Sängerinnen und Sänger. Dies ist ein kaum zu unterschätzender Aspekt, da, zeitnah und doch unabhängig davon, ein langsam fortschreitender Zerfall tradierter Formen der Chormusikpraxis in Deutschland konstatiert werden muss, der bis zum heutigen Tage anhält.
In den achtziger Jahren beginnen zunehmend auch deutsche Chormusikverlage, Arrangements in der populären Stilistik zu publizieren.
Jazz, Pop und Gospel haben nunmehr einen festen Platz in der deutschen Chormusikpraxis.
